Der Wutschreiber

Als ich heute beim Zahnarzt im Wartezimmer saß, viel mir „Der Spiegel“ in die Hände.
Lang ist es her, da hatte ich den Letzten gelesen.
Es stand ein sehr interessanter Bericht über Stuttgart 21 und den vielen Versäumnissen bei den Berechnungen der Kosten und den Machtspielen von Ministerpräsidenten Mappus drin.
Danach folgte ein Essay von Dirk Kurbjuweit, welches mich zum Schmunzeln brachte.
Er wirft die Sarrazin Befürworter und Stuttgart 21 Gegner in einen gemeinsamen Topf, welchen er „Wutbürger“ nennt. Er unterstellt ihnen nackte Wut, wilde Entschlossenheit und fanatische Gegnerschaft.
Er macht aus dem „Immobiliengeschäft“ Stuttgart 21 ein mögliches Wahrzeichen für Stuttgart.
Zitat:
Wie empfängt Stuttgart einen Reisenden? Mit Miefigkeit, mit einem kleinen Willkommen, nicht mit einem großen. Hier ist Provinz, du musst nicht unbedingt bleiben – das sagt dieser Bahnhof.
Das kann man wohl billiger haben, für 100 Millionen bekommt man jeden Bahnhof hübsch, in Bielefeld sogar für weniger.
Ein weiteres Zitat:
Der Wutbürger denkt an sich, nicht an die Zukunft seiner Stadt.
Das sehen die Stuttgarter sicherlich anders, denn genau an die Zukunft denken sie ja.
Zitat:
Daher kommt die Wut, nicht wegen der vier oder fünf Milliarden Euro Kosten für das Projekt. Eine so abstrakte Zahl löst nicht diesen Hass aus.
Womöglich unterliegt Herr Kurbjuweit hier der Projektion. Woher nimmt er die Gewissheit, dass es Hass ist, welches die Leute antreibt. Vielleicht haben sie auch nur bestimmte Systematiken zwischen Wirtschaft und Politik durchschaut.
Zum Schluss des Essays empfiehlt er die Buddenbrocks zu lesen.
Zitat: Weil Thomas Buddenbrook die Zeichen der Zeit nicht erkennt, geht sein Familienunternehmen unter.
Ich habe das Zitat einmal umgeschrieben:
Weil die Politiker die Zeichen der Zeit nicht erkannten, ging die Demokratie unter.
Die Bürger sind nicht renitent, wie Kurbjuweit behauptet. Sie haben nur den Raubtierkapitalismus verstanden und gehen, meiner Meinung nach sehr klug, direkt und unerschütterlich dagegen vor.
Warum sich allerdings manche Journalisten mit dieser neuen, bürgerlichen Aktivität so schwer tun lässt sich nur vermuten. Ist es der Druck der Anzeigenkunden. Liegt es daran, dass sie es sich in den letzten Jahren in den Redaktionen eingerichtet haben und gerne von Wirtschaft und Lobbyisten bedient wurden? Liegt es an den RTL Medienschulen? Liegt es am Druck des Verlegers.
Oder liegt es an der mangelnden Aufmerksamkeit, welche sie polarisieren lässt.
Wie auch immer, ich hab den Spiegel wieder artig und ohne Wut an seinen Platz im Wartezimmer gelegt.
Denn  Journalismus findet auf der Straße statt.

Der Spiegel, Essay „Die Wutbürger“

Weitere Blogs zum Thema:

Hurra! Der Wutbürger ist da!

Von Sarrazin zu Stuttgart 21 – Der Wutbürger im Dummspiegel

12 Gedanken zu “Der Wutschreiber

  1. Nabend,

    die Welt ist im Wandel und wer nicht sehen, hören und auch riechen mag … der ist oder wird Politiker.
    Sehr pauschal ausgedrückt!
    Journalismus findet immer mehr im kleinen statt und das löst bei manchen „Geldsuchern“ angst aus.
    Ich war heute auch zu Gast bei einer Freundin, welche jetzt meine neue Zahnärztin wird.

    Liebe Grüße,

    Der Wolf namens Kai ;o)

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  2. cool, ich hätte auch gerne eine Zahnarztfreundin.
    Ja, die „Geldsucher“ schwitzen .-)
    LG
    Der Nix mit Namen Zen

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  3. Dein Zitat nochmal umgeschrieben: Weil die Bürger die Zeichen der Zeit nicht erkannten, ging die Demokratie unter. Politiker brauchen die Demokratie nicht. Die hindert sie nur am Machterhalt.
    Woher Herr K. seine Ansichten bezieht, weiß ich nicht, aber Medienberichterstattung erfolgt immer aus einer bestimmten Perspektive. Je nach Format/Sender/Verlag kann das auch eine politische sein. Siehe: http://mayarosasweblog.wordpress.com/2008/09/20/koln-gegen-rechts-protestieren-mit-spas/
    Und ganz allgemein gilt für Journalisten das, was auch für alle anderen Menschen gilt, also auch für mich, für dich: Wir suchen den Beweis für unsere Einstellungen und Überzeugungen in der Wirklickeit und nehmen selektiv das wahr, was unsere Meinung unterstützt.

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  4. Und ganz allgemein gilt für mich, das ich nicht die Möglichkeit habe meine selektiv wahrgenommenen Einstellungen und Überzeugungen aus der Wirklichkeit, in einem
    nicht mehr ganz so populären Medium, wie dem „Spiegel“ der Öffentlichkeit mitzuteilen.

    Aber schön das du es noch einmal erklärt hast:-)

    Wer bezahlt bekommt Meinung!

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  5. Mein:
    Aber schön das du es noch einmal erklärt hast:-)
    bezieht sich auf dein Zitat:
    Und ganz allgemein gilt für Journalisten das, was auch für alle anderen Menschen gilt, also auch für mich, für dich: Wir suchen den Beweis für unsere Einstellungen und Überzeugungen in der Wirklickeit und nehmen selektiv das wahr, was unsere Meinung unterstützt.

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