Graslieger

Sie lagen im Gras, die Sonne spiegelte sich in ihren Ray Ban Gläsern. Der Ältere, der Beiden hatte einen Grashalm lässig im Mundwinkel.  Sie lauschten den Geräuschen um sich herum. Die Augen geschlossen hinter dunklem Glas. Sie stellten sich vor, dass Gras wachsen zu hören, unterbrochen vom Duft der Wiesenblumen. Die Singvögel in den Bäumen schienen sich mit Absicht leise zu unterhalten. Sogar die Insekten nahmen Rücksicht auf die bebrillten Träumer.

Es gab einen längst vergangenen Tag in ihrem Leben, da lagen sie auf der großen Wiese  ihres Uni-Campus. Sie träumten davon, was sie nach ihrem Studium machen würden. Um sie herum saßen viele Studenten/Innen. Alle versunken in großen und kleinen Bildschirmen. Damals nahmen die Insekten keine Rücksicht. Die Krähen versuchten die Singvögel im Konzert zu übertrumpfen. Einige der Studenten trugen bunte Kopfhörer, andere sprachen in kleine Mikrophone. Nur die Beiden lagen auf der Wiese, die Blicke gegen den Himmel und unterhielten sich angeregt. Wer von Beiden die ursprüngliche Idee hatte ließ sich später nicht mehr klären, war den Beiden aber auch niemals wichtig.

Zu der Zeit, als sie auf der Campuswiese lagen, war es En Vogue permanent online und erreichbar zu sein. Die Menschen waren sprichwörtlich vernetzt. Es gab damals geschäftliche, private, soziale, erotische, intellektuelle, dumme, politische wissenschaftliche und unterhaltende Netzwerke. Daneben gab es E Mail, SMS, Twitter, Skype und Co. Es gab Filme, Infos, Musik, Blogs und natürlich Telefon plus Briefpost. Die Menschen in dieser Zeit bedienten all diese Kanäle, fütterten sie täglich mit Material. Es gehörte zum guten Ego sich online in irgendeiner Form zu präsentieren. Dieses war eine Menge In-und Output, den die Menschen damals konsumierten und fabrizierten. So wurden viele immer ungeduldiger, oberflächlicher, ruheloser, zielloser und erschöpfter.

Die Idee der beiden Wiesenlieger war einfach und genial. Mit Hilfe von ein paar befreundeten Programmierern erschafften sie ein Programm, welches einen Großteil dieses persönlichen In-und Outputs übernahm. Eine „Art“ zweites-virtuelles ICH. Diese, auf Cloud Basis, eingesetzte Software scannte in Sekundenbruchteilen die Communitys und online Kommunikationswege seines Nutzers. Sie war lernfähig und übernahm nach einer kurzen, betreuten Phase selbständig die Kommunikation und die Zusammenstellung von Inhalten für die persönlichen Accounts. So musste man seine Ego-Statusmeldungen nicht mehr selbst in Facebook & Co eingeben. Das Programm suchte sich Meldungen aus einem Pool von Möglichkeiten, welche man vorher selbst, in einem multiple choise Verfahren, eingegeben hatte. Mit der Zeit war das Programm fähig, eine Art eigener Logik in der Kommunikation zu entwickeln und passte sich den jeweiligen sprachlichen, optischen und modischen Tendenzen an. Jetzt konnten erschöpfte Nutzer Dinge tun, die sie fast vergessen hatten: Ein Buch lesen ( es gab noch Echte auf Papier), unter einem Baum liegen, wild herumknutschen, Holzschnitzereien basteln, eine Band gründen, Fallschirm springen und und und. Dem Programm gaben die Beiden einen hebräischen Namen. Sie nannten es JOFFI, was so viel wie schön, prima, super bedeutet.

Jetzt gab es Joffi seit knapp dreißig Jahren. Aus dem Programm war eine weltweite Genossenschaft geworden. Sie finanzierte Forschung, entwickelte eigene Studienprogramme auf genossenschaftlich finanzierten Universitäten. Sie stellte Bio- Lebensmittel und ökologisch sinnvolle Alltagsprodukte her. Setzte sich für faire Tarifstrukturen ein und unterstütze eine Vielzahl von Projekten in der Humanmedizin. Das Softwareprogramm Joffi gab es immer noch. Es hatte, seiner Logik folgend, eigene Communitys erschaffen. Vor ein paar Wochen regte es eine Diskussion an, dass Netz in seiner bisherigen Form aufzulösen, zu verändern. Joffi diskutierte diesen Vorschlag im Prinzip mit sich selbst.

Vor den Augen der Beiden tanzten zwei bunte Schmetterlinge in der Luft , sie dachten in diesem Moment das Gleiche, nichts!

5 Gedanken zu “Graslieger

  1. Joffi gibt es bereits, allerdings nicht in dieser utopistisch-moralischen Version, sondern real-marktwirtschaftlich:

    Ich mag kein Multiple Choice. Und Maschinen vertrauen mag ich aucht. Ganz besonders nicht denen, denen man Lernfähigkeit unterstellt.

    Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s