Falls du in den 90ger geboren bist

Bei Frau Blau fand ich einen Text zum Thema: „Falls du in den 80gern geboren bist“. Es gibt einen solchen Text auch für die 60ger. Ich hab mal einen Versuch gemacht, einen für die 90ger zu texten.

Falls du in den 90ger Jahren geboren bist, so wurdest du als „erstgeborenes“ Kind, mit einem unglaublich teuren Teutonia Kinderwagen der Außenwelt gezeigt. Die ersten drei Lebensjahre kauften deine Eltern nur Bio, dein Zimmer war schadstofffrei und dein Spielzeug pädagogisch wertvoll. Deine Eltern fuhren extra Volvo, nur für deine Sicherheit. Als du älter wurdest redeten alle Erwachsenen auf Familienfesten, Grillabenden über Aktien und Geld. Sie waren sehr fröhlich und ausgelassen dabei. Du durftest später immer mit deiner Mutter Ally McBeal schauen, da dein Vater öfter länger in der Firma blieb und oft mit seinem Handy telefonierte auch beim gemeinsamen Abendbrot. Deine Eltern suchten dir einen Kindergarten aus der gar nicht in deiner Gegend lag, aber ein wohl tolles päd. Konzept hatte. Dir wurde zwar nie klar, was genau das Konzept war, aber mit den Fahrten dorthin begannen deine Volvo-Jahre. Du wurdest von deiner Mutter durch die Welt gefahren. Zur Frühgymnastik, zum Kinderyoga, zum Judo, später Fußball, dann Fechten, zum Klavierunterricht, zum Logopäden, Kinderarzt, Kinderpsychologen, zu den Freunden ( die sie mit für dich ausgesucht hat), zu unzähligen Geburtstagsfeiern u.s.w.. Mit der Grundschule begann tatsächlich der Ernst des Lebens. Deine Vater war immer sehr nett, wenn deine Noten Bestleistung waren. Sie waren auch Thema in Gesprächen von deiner Mutter und ihren Freundinnen, überhaupt war dein Fortkommen und das deiner Freunde ein Dauerthema der Erwachsenen. Einige von deinen Kumpels die etwas aufgeweckter waren mussten immer ein Medikament Namens Ritalin nehmen. Für dein neues Playmobil Piratenschiff musstest du deine Note in Mathe um  zwei Noten verbessern. Weihnachten durftest du Oma auf dem Klavier vorspielen, sie hatte es finanziert, wie auch den Hausbau deiner Eltern. Später kauften dir deine Eltern einen Computer, du solltest bei dem Thema mithalten können. Er war deine Rettung, hier konntest du ungestört ein paar Stunden täglich spielen. Deine Mutter dachte es macht dich schlau. Die meisten deiner Freunde gingen ab der 5 in die Gesamtschule, du musstest aber auf das städtische vorzeige Gymnasium. Noch heute fragst du dich, wie du es geschafft hast keine Segelschuhe zu tragen. Das mit dem Klavier entpuppte sich als gar nicht so schlecht, denn du hattest ein Keyboard, was du an den Rechner anschließen konntest. Musik komponieren und samplen machte dir Spass. Die Sache mit den Aktien war allerdings für deinen Vater ein Desaster. Die Ehe deiner Eltern stand eh nicht zum Besten, jetzt war sie nur noch ein Schauspiel für die Nachbarn und Sportfreunde deiner Eltern. Oft dachtest du daran zu rebellieren, aber es war einfach keine Zeit dafür da oder du hattest das Level bei Doom noch nicht erreicht. Irgendwann hauten ein paar Flugzeuge auch noch die Türme in NY um, da war dann die Angst. Angst zu versagen, nicht gut zu sein, die Angst deinen Status zu verlieren. Du lerntest schnell die Masken zu tragen und den Schein zu waren. Über die Depression deiner Mutter wurde kein Wort verloren. Du machtest dein Abi, lächeltest auf Familienbildern, auf Schulfotos. Du machtest mit, bei Ballermannpartys, mit viel Alkohol, obwohl du eigentlich weder die Musik noch das süße Alk-Zeug gut fandest. Nach dem Bachelor kam das Masterstudium. Freundinnen hattest du auch, aber hierfür war die Zeit recht knapp und deine Sexualpraktiken hattest du auf Pornoseiten im Internet gelernt.. Dein Vater besorgte dir über Vitamin B ein Praktikum in einer vielversprechenden Software/Medienfirma. Deine Mutter hatte sich von ihm getrennt und absolvierte eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Du gehst mittlerweile in ein Fitnessstudio, trägst Hilfiger Hemden und Wildleder Boots. Hast immer das neuste Mobile, bist online und willst weiter die Karriereleiter gehen. Dein Vater ist zum Geschäftsleiter in seiner Firma aufgestiegen und hat eine jüngere Kollegin zur Freundin. Er hat dir einen günstigen Leasingvertrag für einen SUV besorgt. Letztens warst du deine Mutter besuchen und hast das alte Playmobil Piratenschiff wiedergefunden.

20 Gedanken zu “Falls du in den 90ger geboren bist

  1. Pingback: Klarstellung |
  2. „Zeittotschläger auf ihren Wegen, heute Nacht gehöre ich zu ihnen….. “ Blumfeld. Die Sache mit den Neunzigern aus dem Buch „Die Sache mit dem Ich“ von Marc Fischer

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  3. Lieber NixZen,
    ich las soeben Deinen Text und daraufhin auch noch einmal den Ursprungstext über die 60er und 70er – Generation.

    Und weißt Du was mir aufgefallen ist? Der Ursprungstext hat so etwas „Locker-Flockiges“, er liest sich leicht und sanft und bringt einen zum Schmunzeln, wenn man diese Zeit erlebt hat. Er bringt all die etwas skurrilen und amüsanten Begebenheiten hervor, bei der Erinnerung an welche man geneigt ist zu sagen: „Hm … war irgendwie eine schöne und … stimmigere Zeit – Schade, dass die Kinder darauf folgender Generationen so etwas kaum mehr erleben.“

    Dein Text hingegen ist irgendwie so voller Zynismus und zeigt nur auf all das Negative, das sich in den 90er Jahren so im Leben der gutbürgerlichen Welt abgespielt haben mag. Ich habe nicht ein Wort entdecken können, das in mir den Eindruck entstehen ließ, der Text würde mit einem liebevollen, sanften und mitfühlenden Lächeln auf die beschriebene Zeit schauen. Das finde ich echt Schade. Nicht, weil Du mit dem Beschriebenen der Sache nach so sehr daneben lägest – das tust Du gar nicht einmal. Aber was veranlasst Dich dazu, die 90er Jahre so negativ darzustellen? Sie waren so wie sie waren, und die Menschen ihrer Zeit sind immer die Kinder ihrer Zeit.

    Was also Deinen Text vom Ursprungstext von Grund auf unterscheidet, ist das Schmunzeln, das Liebevolle, das Augenzwinkern und … ein zwei Dinge, die vielleicht in den 90ern auch ganz schön gewesen sind. Das vermisse ich. Der Buddha, der ja bei Dir gerne immer einmal wieder auftaucht, lehrte im Edlen Achtfachen Pfad „Harmonische Kommunikation“ – liebevolle Sprache, demütige Sprache, Sichenthalten von Verurteilungen und In-Misskredit-Bringen und vieles mehr: Zynismus lehrte er nicht.

    Ich will Dir ganz bestimmt nicht zu nahe treten, NixZen, wollte aber doch mal eben meine 2 Cent dazu geben …

    Mit Metta
    „Phra“ Michael

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  4. Lieber Michael,
    in meinen Augen ist es ein sehr mitfühlender, erschütternder Text, daher zum Ende auch noch einmal das Boot. Zynismus war mir beim Schreiben fremd. aber mir ging es darum, die nicht so schöne Seite zu beschreiben. Auch die 80er oder 60er hatten ihre Schattenseiten, nicht umsonst hat sich 1968 der Unmut Luft gemacht und wir reden über Mißbrausfälle in Heimen. Spannend ist halt auch, welche Bilder in uns, beim Lesen der Texte enstehen. Du unterstellst mir Zynismus und sprichst meinen möglichen buddhistischen Weg an, möglicherweise ein moralischer Wink. Ich habe den Zynismus nicht geschrieben, der in dir anklopft. Ich wollte eins, von möglichen Bildern der 90er Jahre skizzieren.
    Mir geht es in diesem Blog auch nicht darum, zu missionieren oder für Buddha & Co zu werben. Es ist eine Art offenes Merkbuch, für Themen und Dinge, mit denen ich mich auseinandersetze.
    Jeder Gast ist dabei herzlich willkommen.

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  5. Hey Du,
    ich wollte Dir wie gesagt nicht zu nahe treten … ich hab nur geschrieben, wie der Text bei mir ankam … und da steckt natürlich immer eine Menge „Spiegelung“ drin. Es ist oft sehr schwierig, einzig über Worte zu verstehen, was der Andere meint – ohne jeden Kontext oder Hintergrund, und von Dir weiß ich (man) halt nicht viel, außer dass Du beizeiten Buddhas Lehre „zu Wort kommen lässt“. Wer immer hier kommentiert gibt weit mehr von sich preis als Du von Dir 😉 – eigentlich sehr interessant …
    Mit Metta
    „Phra“ Michael

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  6. Michael ich habe den Eindruck das es dir gar nicht nur um den Text geht. Du hättest ihn kommentieren, kritisieren können ohne mich mit einzubauen.
    Ein “ Hey Du,
    ich wollte Dir wie gesagt nicht zu nahe treten …“ ist, schmunzel ja schon ein zu nahe treten. In meinem Gedanken kam gar nicht die Idee auf du wolltest mir zu Nahe treten, ich habe mich nur gewundert das du auf eine persönliche Ebene in deinen Kommentar gegangen bist. Und auch mit dem „Wer immer hier kommentiert gibt weit mehr von sich preis als Du von Dir 😉 – eigentlich sehr interessant …“ koketiertst du gezwinkert etwas „Persönliches“
    Ich bin mir nicht sicher was genau du mir sagen möchtest, bzw. möglicherweise dir selbst.

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  7. Du hast Recht, NixZen – es ging mir tatsächlich nicht allein um den Text. Mir geht es nie allein um einen Text, sondern letztendlich immer auch um den Menschen dahinter, um das Persönliche. Nun, aber das ist halt meine ganz „persönliche“ Sichtweise zum Sinn und Zweck eines Blogs, der nicht rein wissenschaftlich ist, sondern das Herz berührt – diese Sichweise muss man keineswegs teilen. Mach vielleicht einfach aus dem, was ich geschrieben habe, nicht mehr als es ist … es sind nur Gedanken … nicht so wichtig *liebsag
    Mit Metta
    „Phra“ Michael

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  8. Mach aus dem was ich geschrieben habe nicht mehr als es ist…, lieber Michael bis zu dem Moment deines Kommentars hab ich auch gar nicht dran gedacht, was sollte ich auch draus machen, was wäre den“ mehr“?
    Jeder Blogeintrag ist persönlich, auf nixzen sind über tausend persönliche Postings, warum du nichts persönliches findest liegt vielleicht bei dir.
    Schau einfach noch einmal achtsam durch meinen Blog.

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  9. vielleicht liegt es einfach daran, dass die siebziger und achziger von originalen geschrieben wurde und der 90-er (den ich auch mit gemischten gefühlen gelesen habe) eben von einem, der nicht damals, sondern viel früher „jung“ gewesen ist. eigentlich müsste ein original-90er schreiben … aber erst in zehn oder zwanzig jahren 🙂 weil – es ist ja immer der rückblick, der sachen ins schönste licht rückt …
    spannend ist es alleweil, die zeit mal aus den augen eines kindes anzuschauen …
    liebe grüsse, soso

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  10. Mir scheint, dass die „augenzwinkernden“ Texte zu den 50ern bzw. 60ern noch relativ problemlos einen Zeitraum von 10 Jahren charakterisieren können. Betrachte ich rückblickend aber die Entwicklung (bzw. „Aufzucht und Pflege“ 😉 ) meiner Kiddies, dann liegen zwischen Anfang und Ende der 90er nicht nur Welten, sondern ganze Galaxien – zumal die End-90er-Geborenen gerade mal das Pubertäritum erreicht haben.

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  11. Ja, da hast du recht. Aber mir persönlich ging es gar nicht um den kompletten Zeitraum. Mir fiel einfach dieses Bild ein, nachdem ich die beiden anderen Texte gelesen hatte.
    Resultierend aus Bildern, welche ich wohl mal in den 90ern aufgenommen habe.

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