Die Sache mit der Amsel

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Ich habe einmal eine Amsel großgezogen (keine einfache Übung ihr mit einer Pinzette das Picken von Würmern, Samen beizubringen) und spätestens seitdem bin ich Amselfreund.  Gestern wollte ich meine neue Kamera austesten und am Wegesrand pickte eine junge Amsel nach Futter. Ich war keinen Meter entfernt und blieb aufmerksam stehen, die Amseldame schaute mich kurz an und pickte weiter, ihr Gatte kam noch hinzu. Keine besondere Geschichte oder doch etwas Besonderes? Ich habe kein Foto gemacht und ich hätte die Geschichte hier auch nicht beschrieben, wenn sie nicht gerade zum Thema passen würde.

Auf Konzerten, bei der Aufstiegsfeier von Arminia, im tollen Café, auf Ausflügen, fast überall versuchen wir Momente mit unseren technischen Aufnahmegräten festzuhalten und weiterzugeben. Sei es in sozialen Netzwerken, wie diesem hier oder für wen oder was auch immer. Meine eigene Erfahrung ist, dass ich mir oft den Moment damit zerstöre und manchmal sogar etwas, wie Hektik, Unmut in einem dieser schönen Momente aufkommt.  Aber auch das Einstellen, die Veröffentlichung der gebackenen Torte, auf die man stolz ist, das schöne Foto oder der Aufstieg der Lieblingsmannschaft, alles kann schnell zum Stress werden und die Momente der Freude wandeln sich. Es gibt Bilder von Konzerten, wo alle ihre Kamera (Mobilephone) hochhalten. Ich hab es selbst probiert, ich konnte der Livemusik nicht mehr genüsslich folgen. Zuhause gab es dann ein verwackeltes Video mit unscharfen Musikern. Warum ich das alles hier schreibe? Es soll ein kleiner Wink sein, natürlich auch für mich selbst, all diese Momente wirklich zu genießen. Wenn ich damit anfange zu überlegen, ob ich nicht gerade ein Foto von dem leckeren Tortenstück, der süßen Amsel, der Musikband mache, entferne ich mich schon von dem schönen Moment. Sollte ich in Begleitung sein, kann es auch diese möglicherweise sehr stören. Warum reicht es uns nicht, wenn wir Momente mit uns nehmen und für uns behalten. Sobald wir darüber nachdenken sie festzuhalten, technisch einzufangen, verwackeln diese Momente nicht nur in manchen technischen Geräten, sondern in uns selbst. Ich habe in vielen wunderbaren Momenten keine technischen Bilder gemacht, aber ich weiß heute noch, wie es geschmeckt hat.  Andererseits sind die Amseln, Kuchenstückchen, Blumen, Sonneuntergänge Statusmeldungen, mit denen wir uns sagen, es geht uns doch gut. Ein positives Feedback in Blogs ist möglicherweise noch ein Verstärker dieses, etwas unsicheren Gefühls und darum posten wir. Das  ist natürlich nur eine Sichtweise aus einer Richtung, aber es lohnt immer achtsam zu schauen, wie und warum wir etwas machen.

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14 Gedanken zu “Die Sache mit der Amsel

  1. Was Du beschrieben hast, ist genau das, was ich ein Leben lang praktiziere, die schönen und bedeutenden Momente in sich aufzunehmen und verschließen, und bei Bedarf hast Du einen wunderbaren Fundes an glücklichen Momenten, die Dir über viele Tiefpunkte hinweghelfen. Ich habe Deinen Beitrag mit Freude gelesen. Herzl. Grüße, Lewi

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    1. Ich bin nicht sicher ob man sie verschliessen sollte, mit anderen Teilen ist sehr schoen. So wuerden unsere taeglichen News womoeglich nicht nur von Leid kuenden.
      Es ist ein halt ein Grad, den jeder fuer sich achtsam betrachten darf.

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  2. Als wir, ich war noch Fastkind, unsere handaufgezogene Amsel in die Freiheit entließen, flog sie geradewegs in ein offenes Fenster des Hauses gegenüber. Der Mieter hat nicht schlecht gestaunt, als meine Mutter bei ihm klingelte und ihm mitteilte, dass er einen Vogel (im Schlafzimmer) habe. Meine besondere Beziehung zu Amseln hat mit dieser Zeit allerdings nichts zu tun.
    Seit ich blogge, hat sich mein Fotografierverhalten verändert. Oft frage ich mich, wäre das was fürs Blog? Zaubert es den Betrachtern ein Lächeln ins Gesicht? Könnte es Appetit machen? Regt es zum Nachdenken an? Aber ganz, ganz oft knipse ich nicht. Ich möchte nicht erst zu Hause am Rechner sehen, was ich gesehen habe. Als ich in Australien war, hatte ich keinen digitalen Fotoapparat. Ich musste mir meine Filme mehr oder weniger einteilen. Und in Deutschland zurück musste ich warten, ob die Fotos überhaupt etwas geworden sind. Wer weiß, vielleicht hätte ich wirklich viel weniger in mir aufgenommen, hätte ich die Möglichkeit gehabt, schier unbegrenzt fotografieren zu können.
    Das Teilen von Fotos (und Text) in Blogs, die keine politischen oder bildenden sind, hat vielleicht auch etwas mit einer gewissen Einsamkeit zu tun? Obwohl, vielleicht auch nicht. Ich kenne Blogs, von denen ich nicht weiß, ob außer mir da überhaupt jemand liest (und kommentiert), dennoch erscheinen regelmäßige Beiträge.
    Ich verstehe, was Du sagen willst. Es gibt Momente, die sollten durch nichts gestört werden.

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    1. Nein, es ging mir nicht um eine Stoerung, eher um die Achtsamkeit uns selbst und dem Augenblick gegenueber.
      Ich wollte auch keine Wertung abgeben ob etwas gut oder schlecht ist, wenn wir es, etwas tun. Es geht mir eher darum, dass wir verstehen, warum wir etwas tun und das was wir machen geniessen koennen und uns unserer Aufmerksamkeit bewusst sind.

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  3. theoretisch weisst du es ja.
    ich denke , das bedürfnis alles fotografieren und posten zu wollen ist ein Ausdruck dafür den moment festhalten zu wollen.
    hat alles mit deinem loslassen -problem zu tun.
    ich mache selbst keine fotos, das was am ende für einen selbst wichtig ist bleibt in erinnerung, das gehirn selektiert sogzusagen für die seele – ganz natürlich ohne technik.
    gut man kann die bilder mit niemandem teilen, die eigenen eindrücke kann man halt schwer teilen, es sei denn man hat sie mit jemandem erlebt, am besten mit jemandem , der einem sehr „nahe“ ist.

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    1. ein Problem würde ich die Geschichte mit dem Loslassen nicht nennen, sondern eine Station auf dem Weg.
      Ich mache Bilder, da es mein Lebenserwerb ist, ich mach aber oft keine, so wie ich es im Posting beschrieben habe.
      Gestern habe ich mich, mit jemanden denn ich nicht kannte, über schöne Momente in Damaskus unterhalten und wir erzählten uns unsere Bilder, die nie eine Kamera von Innen gesehen haben:-)

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      1. Ich weiß übrigens genau, was Du meinst. Ich habe irgendwann sogar ganz aufgehört, zu fotografieren. Ob das allerdings die Lösung ist (für mich)… das weiß ich noch nicht.
        Liebe Grüße! .o)

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      2. Nein, ist es bestimmt nicht, aber ich lass es echt in manchen Momenten sein, mit blumigeren Worten, ich lass es jetzt einfach fließen ( ich weiß das du jetzt Grinsen musst)

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