Krise/n

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Gerade lief auf WDR 2 ein Beitrag zum Thema Gelassenheit, ein Autor hat ein Buch über Gelassenheit geschrieben. WDR2 ertrage ich mit Gelassenheit, ich höre es aufgrund der Moderatoren, das Musikprofil ließ mich früher frösteln, heute ertrage ich es mit besagter Gelassenheit.

Früher lebte ich sehr schnell, Gelassenheit war ein Fremdwort. Ich war politisch, las viele Medien, surfte durch die News, diskutierte, machte mir unendlich viele Gedanken.

Nach einem langen, persönlichen Wandel bin ich gelassener geworden. Ja, wir sind sterblich.

Wir haben gesellschaftliche Bilder, einen sozialen Status im Kopf, den wir leben wollen, sollen. Wir haben eine Rolle übernommen, welche wir spielen. Stellt man diese Rolle auf den Kopf, oder sie wird auf den Kopf gestellt, entsteht eine Kunstpause. Oben ist unten, und unten ist oben. In dieser Lebenspause lernte ich Gelassenheit mit Widerwillen kennen. Für mich war Gelassenheit früher ein Wegschauen, ein sich nicht angagieren, ein nicht teilnehmen. Aber ist es das?

Nein, bin ich gelassen habe ich nur eine ruhigere Sichtweise, einen anderen Standpunkt, Blickwinkel. Als Fahrradfahrer schneidet mir eine Autofahrerin den Weg, ich bin im Recht, habe Vorfahrt. Ich bremse, ich lasse sie knapp an mir vorbeifahren. Ich hätte auf mein Recht beharren können, möglicherweise auf der Motorhaube ihres KFZ ausdiskutierend. So lass ich sie, mit einem Wink fahren und sehe noch kurz ihren hektisch, genervten Blick.

Nach Fukoshima waren viele Menschen besorgt, hatten Ängste, von Gelassenheit keine Spur. Jetzt sind sie beim Thema Fokushima gelassener, die Angst ist nicht Thema. Fokushima ist aber nach wie vor kurz vor einer totalen Katastrophe. Ihre Standpunkte, Blickwinkel haben sich verändert. Wir haben in einigen Ländern Krieg, ein Finanz-Wirtschaftssystem, welches im Grunde kolabieren müsste, eine Seuche in Afrika, einen Klimawandel mit immer mehr Unwettern usw. Wir kaufen in Drogerien künstliche Düfte, ein neues smartes Phone, welches immer mehr Daten über uns weitergibt, fahren die kurze Strecke zum Markt mit dem Auto, fliegen auf eine zweiwöchige Fernreise, oft genervt von dieser Gelassenheit, von Menschen, denen diese im Gesicht geschrieben steht, Leuten die sich anscheinend nicht kümmern, nicht handeln, nicht aktiv diesen Planeten retten. All das gelassene Gerede treibt den einen oder anderen die Zornesröte ins Gesicht.

Dabei bedeutet Gelassenheit kein Wegschauen. Gelassen können wir aktiv sein, handeln, verändern, verbessern, helfen, möglicherweise sogar effektiver. Gelassenheit entsteht nicht im Außen, sie entsteht in uns, ist sie nicht vorhanden, liegt es in/an uns selbst. Wenn wir im
Spiegel ein sorgenvolles Gesicht sehen, können wir es ja einmal kurz anlächeln, unsere Betroffenheit wird nicht davonlaufen, aber wir können sie wandeln, einen lockeren Versuch ist es wert.

Die Gelassenheit ist die Folge akzeptierter Unsicherheit.
Nicolás Gómez Dávila

den

oder den?

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14 Gedanken zu “Krise/n

  1. bist Du auch mit den „Like Buttons“ ein wenig gelassener geworden?!
    ich finde es gibt auch ein „gelassenes“ Wegschauen … – wie bei allem kann man es so und so betrachten.
    Bedeutend scheint mir, dass die Geslassenheit wieder gelernt wird, ja – es gibt sogar „Seminare“ bei denen man „wieder lernen“ kann ganz gelassen den ziehenden Wolken zuzuschauen ….
    Die meisten Menschen in der sog. „ersten Welt“ leben mit einem übersteuertem Nervensystem. Es gibt keine einfache Auf- und Entladung im Fluss des Lebens, sondern viele befinden sich ausserhalb dieses Feldes der Gelassenheit in einem immer „AN“ sein, in Hyperaktivität, Panik, Wut, Hypervigilanz, Hochgefühl bis zur Manie – auch die Webung und Filme impfen uns mit der Vorstellung, dass der Zusatand von Hochgefühlen normal ist. Die manchmal folgende Kehrseite ist das „Burn out“ oder „immer AUS“, die Erschöpfung und Depression.
    Entwickeln von Gelassenheit, innerer Elastizität und Beweglichkeit ist ein zentrales Thema zur Bewältigung von Krisen!

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      1. Gelassenheit und Resignation sind natürlich zwei unterschiedliche Eigenschaften. Ich habe eben mal geschaut, wie Wiki den Begriff Gelassenheit definiert und dabei diesen Satz gefunden: „Gelassenheit bewegt sich semantisch im Spannungsfeld wünschenswerter Gemütsruhe und bedenklicher Gleichgültigkeit.“ Ich glaube, wahre Gelassenheit ist nicht ganz einfach zu erreichen (aber da spreche ich sicher mehr für mich).

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      2. Wie der Autor des Wiki Eintrages den Begriff definiert. -).
        Spannend aber, wie du von Gelassenheit auf Resignation kommst und warum?
        Das versuche ich ja zu beschreiben, die Betroffenheit geht nicht verloren, aber warum gibt es da eine Angst, was bringt uns diese Betroffenheit, ein reines Gewissen?

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      3. Das erinnert mich an das Verstehen des Unterschieds zwischen Mitleid und Mitgefühl ….. viele fühlen sich unwohl, wenn sie nicht mehr mit -„leiden“, und haben beim Mitgefühl die Angst in die Gefühlskälte und die Abstumpfung zu rutschen. Scheint Erlerntes /Konditionierung zu sein …von daher vielleicht wirklich eine Frage des „Gewissens“ – so wie wir es kennengelernt haben?!

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