Liebe Türken in Deutschland …


… was wird nun mit uns?
Mit großer Sorge habe ich die Geschehnisse der letzten Zeit verfolgt.
Ich bin etwas ratlos.
Jahrzehnte leben wir miteinander in dieser Stadt, die es laut Internet nicht gibt. Viele von euch kenne ich noch als Kinder, aus der Spielmobil- und Kinderhausarbeit.
Ihr habt diese Stadt mit neuen kulturellen Einflüssen bereichert, wie auch diese Stadt und dieses Land euch eine neue Exis­tenz ermöglicht hat.
Diese Stadt und dieses Land bieten viele Freiheiten, es wurde dafür in der Geschichte gestritten und gekämpft.
Es gibt ein Grundgesetz und eine Verfassung, welches sich viele Menschen auf dieser Welt wünschen würden.
Laut dem, was ich den veröffentlichten Zahlen entnehmen kann, haben 63,9 Prozent ( es gibt ca. 3,5 Millionen Menschen mit türkischen Hintergrund in Deutschland, ca. 1,5 Millionen waren wahlberechtigt, ca. 450.000 stimmten mit Ja) von euch, mit türkischem Pass, für den türkischen  Präsidenten Erdogan, also für die Verfassungsänderung und somit für die Todesstrafe gestimmt, welche Erdogan nach dem möglichen Sieg angekündigt hat.
Die Stimmen aus dem Ausland, also von Türken, welche nicht in der Türkei leben, haben wohl die Stimmenmehrheit für die „Ja“ Sager gebracht.
Nun frage ich mich als überzeugter Demokrat und Mitbürger, wie eure Loyalität gegenüber unserem gemeinsamen Heimatland und dessen gesetzgebender Verfassung ist, welche uns dieses gemeinsame Zusammenleben ermöglicht?
Teilweise haben mich Wut und Anschuldigungen erstaunt, die in Interviews zu hören waren.
Diesem Land und seinen Menschen wurde viel vorgeworfen und es gibt viele Dinge, die man ansprechen und diskutieren sollte. Aber dieses Land und die Menschen, welche in ihm leben, sind nicht alle Nazis, nicht alle Tyrannen, keiner fordert ein Ermächtigungsgesetzt, wie im so genannten dritten Reich.
Wie geht es den „Nein“ Sagern in der Türkei? Was empfinden sie gegenüber den „Ja“ Sagern im fernen demokratischen Deutschland, den „Ja“ Sagern in meiner Stadt, in der ich lebe? Wie geht es den „nein“ Sagern hier in meiner Stadt, in diesem Land?

Ja, es gibt so einige Vorurteile gegeneinander. Aber wie soll es mit uns gemeinsam nun weitergehen?
Der türkische Präsident Erdogan drohte, neben den Nazi Beschimpfungen, jüngst mit möglichen Aufständen in Deutschland. Das ist schon sehr einzigartig in dieser Form. Die deutsche Bundesregierung hat darauf recht emotionslos reagiert, nur in meinem Kopf und möglicherweise in vielen Köpfen ist etwas hängen geblieben.
Für mich persönlich ist etwas klar geworden, unser Zusammenleben hat große Risse. Ich bin nicht mehr sicher, ob eine Doppelpassregelung sinnvoll ist. Ich denke, wir benötigen ein faires Einwanderungsgesetz.
Aber das Schlimmste, wir leben nebeneinander her, nicht zusammen.
Deutschland ist in einen stätigen Wandel, ich möchte, dass es ein weltoffenes, soziales, tolerantes Land bleibt, ohne Todesstrafe und Verfolgung, mit offenen Grenzen.
Jedem steht es frei zu gehen, der die Verfassung in Deutschland nicht akzeptiert und diese nicht leben möchte. Gerade eine Demokratie muss seine Werte verteidigen und schützen.
Liebe Deutsche, mit türkischen Wurzeln, lasst uns also nicht nur gemeinsam fußballspielen, sondern anfangen Freundschaften zu schließen und weiter für ein humanes´, demokratisches Deutschland kämpfen, in dem wir immerhin friedlich leben, lieben, essen, trinken und feiern können. Wenn wir all das gemeinsam machen, wären wir verdammt cool.

 

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11 Gedanken zu “Liebe Türken in Deutschland …

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen! Und nicht nur mir! Meine langjährige Freundin, Deutsche mit türkischen Wurzeln, versteht die Welt nicht mehr. Gut, da gibt es gerade so einiges, was nicht zu verstehen ist, aber das war für sie das i- Tüpfelchen. In meiner Stadt war früher ein Standardsatz an uns Demonstranten: „Dann geht doch rüber!“ Ich hätte nie geglaubt , dass ich etwas in der Art nur denken könnte über meine türkischstämmigen Mitbürger. Und ich hoffe sehr, dass die Menschen, die tendenziell nicht nur so denken, das Öl, das jetzt in ihr Feuerchen getropft ist, nicht zu einem Flächenbrand werden lassen. Denn wir dürfen nicht vergessen, wie viele Türken auch mit Nein gestimmt haben.

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  2. Dass die Türken in unserem schönen Lande und wir Deutsche nebeneinander her leben und nicht miteinander ist doch schon seit jenen längst schon vergangenen Tagen der „Gastarbeiter“ der Fall. Nur hat bislang kaum ein Hahn danach gekräht. Jetzt, nachdem eine Mehrzahl der türkischstämmigen Bewohner/innen Schlands wohl mit „Ja!“ gestimmt haben, ist das Thema mit einem Male in aller Munde. Dumm gelaufen – zu spät, würde ich sagen. Wir hätten uns allesamt in den fünf Jahrzehnten vorher um ein besseres Miteinander kümmern müssen, dann hätte das Ergebnis der Abstimmung am Sonntag mit Sicherheit anders ausgesehen.

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  3. …stimme Dir aus vollstem Herzen zu…wie wahr…trifft auch für mein Heimatland Österreich.
    Ich frage mich nur…warum sind so viele Türken hier unzufrieden, Sie hätten doch die Wahl in Ihre Heimat Türkei zurück zu kehren, wenn es dort für Sie besser ist… oder? Ich verstehe es nicht! Vieleich gehen die Ja Sager jetzt in die Türkei zurück, wo es mit der Herrschaft von Herrn Erdogan besser wird.
    Ich wünsche allen viel Glück und eine gute Heimreise. Nicht böse gemeint, jedoch ehrlich….
    LG. Lis

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  4. Hervorragend geschrieben! Und was sollte ich da noch hinzufügen?!

    Eventuell, dass es doch tatsächlich auch noch andere „Ausländer“ ohne deutschen Pass, aber mit bestem Benehmen gibt. Man kann nicht alle Vorzüge unserer Demokratie und unseres Lebens in Anspruch nehmen und uns dann spüren lassen, wie wenig man uns schätzt. Aber das Leben hier ist schon schön. Zum Aufeinanderzugehen gehört es auch, dass man sich in dem Land, in welchem man lebt, auch einfügt – in seine Regeln und seine gesellschaftlichen Vorgaben etc. Dass auch auf der Seite der deutschen Bevölkerung nicht immer alles in Bezug auf die Integration von Ausländern gut gelaufen ist, das ist so wahr.

    Aber, ich bin auch realistisch, es haben ja nicht alle mit „ja“ gestimmt

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  5. Ich finde dieser Beitrag trifft ins ‚Schwarze‘, ohne jemanden zu verletzen. Ich glaube, bei uns haben etwa 28 % Ja gestimmt. Ich bin Schweizer und kann diesen Unterschied nicht verstehen, weil ich nicht sicher bin, ob unser Resultat heisst, dass die türkischen Leute bei uns besser integriert sind. Vielleicht liegt es an unserer Mentalität. Ernst

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