Im Labyrinth der Integration

Willkommen im Labyrinth, künstlerische Irreführungen, so lautet die aktuelle Ausstellung im MARTA Herford. Die Kunst, beim Begehen in einem Labyrinth besteht zu einem Teil darin, wieder aus ihm herauszufinden.

An diesem, für mich, künstlerischen Sonntag gab Mesut Özil bekannt, nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft Fußball spielen zu wollen. Die Geschichte um Mesut Özil sollte bekannt sein. Ich habe mir die Mühe gemacht verschiedene Kommentare, Artikel, Statements zu lesen.

Und meine Gedanken verhedderten sich in einem Labyrinth aus Urteilen, Erfahrungen, Vorurteilen, Hoffnungen, Meinungen. Ich habe mich gefragt, was denke ich über Immigration, Integration? Nicht das politisch korrekte Denken und bei diesem bin ich mir gar nicht mehr sicher, was denn politisch korrekt ist, sondern ich war auf der Suche nach meiner ganz persönlichen Sichtweise, meinem Urteil, Vorurteilen, Ängsten, Hoffnungen.

Ich bin als Kind schon viel gereist, konnte mit 10 Jahren schon etwas Spanisch, da wir teils 6 Ferienwochen in Andalusien verbrachten und ich nur spanische Freunde dort hatte. Ein Mittel, mich damals in die spanische Kinderszene zu integrieren, war der Fußball. Das Reisen gehört seitdem zu meinem Leben. Beruflich hatte und habe ich immer mit vielen Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen zu tun. Ich war Fußballjugendtrainer und hatte 8 Nationen in einer Mannschaft zu einem Team zu formen. Mittlerweile arbeite ich an einer Schule, welche einen Immigrationsanteil von über 80% bei den Schülern aufweißt.

Ich war früher in verschiedenen Parteien, habe mich ein Hauch in Lokalpolitik versucht und würde im Moment behaupten, dass ich keiner Partei wirklich angehören könnte. Manches ist bei der einen Partei, manches bei der Anderen zu unterstützen. In jedem Fall mag ich dieses Land, mag manche Bräuche, mag die Toleranz und die Offenheit, insbesondere in meiner Heimatstadt Bielefeld. Ich schätze das es in Deutschland ein Sozialsystem und ein Gesundheitssystem gibt, über Verbesserungen darf man sich immer streiten. Ich schätze das deutsche Grundgesetz und die damit verbundene demokratische, politische Ordnung. Alles zusammen ist für mich Deutschland und macht es für mich persönlich lebenswert.

Viel und oft kritisiert, bietet dieses Land eine Menge, drum würden auch viele Menschen hier leben wollen. Ich bin mir sicher, wir Deutschen, insbesondere der Ostwestfale ist kein einfacher Zeitgenosse. Deutschland zu verstehen, ist möglicherweise auch nicht einfach, aber es ist die Mühe wert. Zumindest sagt es mein Nachbar aus Eritrea, welcher seit 25 Jahren hier lebt. Was aber für mich persönlich befremdlich ist, mich ärgert, mich ängstigt, wenn mir ein ehemaliger Flüchtling aus Kroatien erklärt, wie er die deutschen Sozialsysteme ausgetrickst hat und wie doof die Deutschen sind, wenn ein junger Pakistani mir erklärt, nach seiner religiösen Auffassung müsste man Schwule und Lesben töten, wenn türkische Hochzeitsgäste im Autokorso, türkische Nationalfahnen wild schwenkend durch Bielefeld fahren. Wenn im Bielefelder Szeneviertel türkische und arabische Männer die Motoren ihrer aufgemotzten Autos aufheulen lassen und Macho oder Gangster spielen, wenn mir ein kurdischer Jugendlicher sagt, er wäre stolz Kurde zu sein und alle deutschen seien Nazis. Wenn einzelne Nationalitätengruppen nationale Fußballklubs gründen und es häufiger bei Spielen zu Gewalt kommt, wenn Russlanddeutsche eine Demonstration gegen Merkel und Zuwanderung machen und Putin führ den besseren Politiker halten, wenn Clans sich über deutsche Gesetze stellen. Ich könnte noch viele Dinge mehr aufzählen und ja, ich könnte auch über „Deutsche“ viele Dinge aufzählen, über sogenannte Reichsbürger etc.. Nur all diese aufgezählten Sachen ärgern mich an einzelnen Menschen mit Migrationshintergrund, manche machen mir Angst, oder sie verwundern mich zumindest. So wunderte ich mich über Özils Fotoaktion und heute wundere ich mich über Ulli Hoeneß seinen Kommentar zum Thema Özil.

Ich habe gelernt meine gerade beschriebenen Beobachtungen, Ängste und möglichen Vorurteile zu reflektieren, versuche sie zu verstehen. In meiner Arbeit und in meiner restlichen Zeit, versuche ich Teil einer gelungenen Integration zu sein. Motivation ziehe ich aus den vielen schönen Erfahrungen und erlebten Beispielen, speziell in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Es ist wichtig offen zu reden, es ist wichtig Dinge unverblümt anzusprechen, drum halte ich die Geschichte, rund um die besagten Erdoganbilder für eine Chance in einen respektvollen Diskurs einzutreten. Frage ist, wie wollen wir in Deutschland zusammenleben? Für mich persönlich ist das Grundgesetz, sind Demokratie nicht verhandelbar, ich bin überzeugter Befürworter eines Einwanderungsgesetztes, weil es Menschen Chancen bietet, ohne sich der Gefahr auszusetzen zu ertrinken. Es gibt in diesem Land Parallelkulturen, es gibt Vorurteile, es gibt so genannte Wahrheiten, wichtig ist es sie auszusprechen. Wichtig ist aber auch, Grundwerte einzufordern, ein wesentlicher Bestandteil ist das Grundgesetz, ist die bundesdeutsche Gesetzgebung, dieses betrifft jeden Menschen, welcher in der Bundesrepublik lebt und leben möchte. Diese darf die Gesellschaft offen und sehr deutlich einfordern und dabei ist jeder Bürger gefordert ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Integration um jeden Preis, darf es, meiner Meinung nach nicht geben.

Ein Gedanke zu “Im Labyrinth der Integration

  1. Ich stimme dir in vielem zu, aber noch fällt mir keine eigene Stellungnahme dazu ein. Auch zu Özil habe ich noch keine persönliche Meinung. Man muss sich wirklich durchfressen durch die vielen Informationen, die ja aber auch nicht vollständig sind, und es ist schwer, sich dazu eine Meinung zu bilden. Mir fällt nur auf, dass die Rechten Menschen „mit Migrationshintergrund“ oder Asylanten per se abwerten, während Politiker mancher anderer Parteien erstmal alle Ausländer in Schutz nehmen, ob sie nun Verbrechen begehen oder sich sonstwie daneben benehmen. Mit beidem gehe ich nicht konform. Ich wette übrigens, dass, wenn Özil sich Frauen gegenüber unmöglich benommen hätte, Frau Barley in einen interpersonalen Konflikt geraten wäre…

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