Wien, Stadtteil Seestadt Aspern

Gestern war ich mit meinem Sohn in einem Buchgeschäft, es gab dort eine der wenigen Möglichkeiten, eine „Örtlichkeit“ aufzusuchen. Beim späteren, kurzen Stöbern entdeckte ich einen Buchtitel, der meine Aufmerksamkeit fesselte, es handelt von der Einsamkeit. Der recht erfolgreiche Buchautor, ein deutscher Psychologe und Hochschullehrer hat in dem Buch neuste Studien zusammengefasst und stellt die These auf, Einsamkeit macht krank und somit sinkt die Lebenserwartung des „einsamen“ Einzelnen, Es geht nicht um die kurze Einsamkeit, welche ich auf dem stillen Örtchen des Buchgeschäftes erlebte, es geht um die Einsamkeit, welche wir manchmal sogar spüren, obwohl wir unter Menschen sind, im Stadion, auf der Familienfeier, im Großraumbüro, in der Schule oder Universität. Die Einsamkeit welche unser Herz schneller schlagen lässt, uns manchmal einschnürt, lähmt.

Man kann viele „Freunde“ haben und doch fühlt man sich einsam und verlassen. Die Symptome können sehr unterschiedlich sein, mangelnder Selbstwert, Zynismus, Egoismus, Wut, Traurigkeit, Angst, Depression, Panikattacken etc. In dem besagten Buch wird die heilsame Wirkung der Natur, im Zusammenhang mit der Einsamkeit beschrieben, welche in den verschiedensten wissenschaftlichen Studien belegt zu sein scheint. Ich bin gerne einmal einsam, speziell in der Natur. Es klingt paradox, aber an einem einsamen Nordseestrand fühle ich mich weniger einsam, als auf der Hamburger Mönckebergstraße oder auf dem Berliner Kuhdamm. Ich kenne aber auch sehr gut die Form der Einsamkeit, die traurig macht, die ängstigt und Panik auslöst.

Wie bei allen Gefühlen erscheint es mir wenig sinnvoll gegen sie ankämpfen zu wollen. Einsamkeit kann Schmerzen in uns Menschen hervorrufen und Schmerzen versuchen wir mit schnell wirkenden Mitteln zu bekämpfen. Aber wer hat nicht schon einmal versucht, gegen einen Lachanfall anzukämpfen. Gefühle kann man nur kurz ausbremsen, man kauft sicht etwas Schönes, man isst Schokolade,  geht Sport machen, nimmt ein Medikament, aber das Gefühl kann jederzeit wiederkommen. Manchmal benötigen wir sogar bestimmte Gefühle, weil sie uns eine Form der Identität, eine Lebensrolle geben. Im positiven Sinnen kann eine wertfreie, nüchterne Betrachtung unserer Gefühle Einblicke und Ausblicke vermitteln, was wir möglicherweise machen könnten, damit bestimmte Gefühle nicht unseren gesamten Alltag, unser Leben bestimmen und im ungünstigen Fall Lebensfreude unterdrücken.

Die Frage, welche mir im Zusammenhang mit der Einsamkeit in den Sinn kommt,  ist, inwieweit uns äußere Faktoren beeinflussen, unsere Gefühle steuern. Die Bilder von Freunden und Bekannten in so genannten sozialen Netzwerken, welche ein augenscheinlich glückliches, erfülltes Leben genießen. Shoppingmeilen, Werbung, städtische Architektur, Familienstrukturen, unser Beruf , die Natur, Tiere usw. Wir spiegeln uns permanent mit vielen Dingen, Orten, Situationen, vergleichen uns.

In einer auf Effizienz, Wachstum und sogenannten Erfolg getrimmten Gesellschaft, der wir unsere Gefühle unterordnen,  scheint das Gefühl von Einsamkeit vorprogrammiert. Familienstrukturen scheinen sehr ambivalent, Beziehungen werden digital, geklickt gepflegt. Natur erleben wir in Plastik eingeschweißt in der Supermarkt Gemüseabteilung, oder tiefgefroren. Unser momentanes Leben macht einsam, auch ich spüre die Folgen. Die Verbundenheit zur Natur ist uns in den Industrieländern beinahe verloren gegangen, doch wir sind ein Teil von ihr, ohne sie fehlt uns die „Erdung“.

Paris, Stadtteil La Défense

Heute hörte ich im Deutschlandradio Nova, Felix Finkbeiner, er gründet mit 9 Jahren die Umweltschutzorganisation „Plant for the Plan“. Es geht bei der Organisation darum, neue Bäume zu pflanzen. Womöglich ist es eine von vielen guten Ideen, bei dem schmerzenden Gefühl von Einsamkeit einen Baum zu pflanzen. Es gibt gerade in Zeiten, wie diesen eine Menge an Dingen, welche wir als Einzelner oder gemeinsam, mit allen gesellschaftlichen Schichten und mit jeder Altersgruppe lösen und verändern können, hin zu einer positiven, gemeinsamen, sozialen Welt.

Denn mathematisch gesehen bedeutet 1 Einsamer + 1 Einsamer = Gemeinsamer

Pyrenäen, Frankreich, Nähe Pic de Midi, Grand Tourmalet

Nur wo du klar ins holde Klare schaust,
Dir angehörst und dir allein vertraust,
Dorthin, wo Schönes, Gutes nur gefällt,
Zur Einsamkeit! – Da schaffe deine Welt.
Johann Wolfgang von Goethe

Sorgen kann man teilen. 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123 Ihr Anruf ist kostenfrei.

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