Als Kind, ich kann mich noch gut erinnern, gab es diese männlichen Nachbarn, nicht mehr ganz jung, die ewig meckerten. „Runter vom Rasen“, „macht den Flur nicht dreckig“ sind harmlose Varianten ihrer Beschimpfungen, Ermahnungen und teils gebellten Befehle. Ich würde meinen, viele kennen diese Spezies.
Jahrelang hatte ich diesen Typus vergessen, er kam in meinem Leben nicht mehr vor, vielleicht lag mein Fokus woanders.

Wie auch immer, sie sind zurück!

Heute las ich unter Tagesschau.de die Kommentare zu der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin und dachte, viele meiner, längst verstorbennen Motznachbarn wären wiederauferstanden.
Nein, es ist mir nicht erst heute aufgefallen, die Auffälligkeit besteht seit 3-4 Jahren. Auch ohne wissenschaftliche Studie würde ich vermuten, es sind zum großen Teil Männer, von der Sprache würde ich rauslesen, Männer über 50 Jahre.
Keine Angst, ich hole jetzt keine „Sau“ raus.
Früher hab ich mich als Kind gefragt, warum haben diese Männer keinen Spaß, heute frage ich mich es immer noch. Ich bin nicht immer spaßig und so ein Leben ist es oft auch nicht, aber genau in diesen Momenten hilft Sachlichkeit, Reflexion.
Ich kann diese Zeilen frei schreiben, dabei einen Espresso trinken und ich sitze im warmen Zimmer, während draußen Kinder Böllerchen zünden.
Ich habe Respekt vor den Menschen, die in die Politik gehen, ebenso vor dem Altenpfleger, den Polizisten oder der Lehrerin.
Zu motzen, virtuell Menschen bedrohen, zu Revolutionen aufrufen, oder sie sich herbeizuwünschen ist einfach.
Immer noch frage ich mich, was sind das für Menschen, wer ist diese viel zitierte Twittergemeinde, , deren Postings übernommen werden, die für Twitterstürme und Wirbel sorgen, wer sorgt für die sozial mediale Entrüstung mit massiver verbaler Aufrüstung?
Ich kenne persönlich niemanden, der Twitter nutzt, ich habe einen Account, den ich mit diesem Blog gekoppelt habe, aber nie nutze.
Meine Teenager Freunde haben alle keinen Account, niemand in der Familie, im Freundeskreis.
Wer also entfacht da die Stürme der Empörung und teilweise Polemik, wer entfacht den Hass?
Früher saßen meine Motznachbarn oft vor dem Fernseher, schrieben möglicherweise Leserbriefe an die Lokalpresse und schwärzten Falschparker etc. bei der Polizei an.
Mit dem Medium Internet haben sie jetzt den Finger immer am Abzug. Bereit aus dem Hinterhalt der Anonymität ihre Meinungspolemik abzufeuern.
Das war früher anders, wir Kinder wussten, wer sie waren, wenn sie am offenen Fenster bölkten und wir wussten, wer Sylvester den Böller in den Briefschlitz bekam, oder wem der nächste Klingelstreich galt.
Doch auch die Motzer, Wutschreiber, Revolutionsaufrufer waren einmal Kinder, hatten womöglich selbst unangenehme Begegnungen mit Motzern und Schreihälsen, die ihnen das Kinderleben schwer gemacht haben.
Vielleicht sind die Kinder heute zu gut verplant und behütet, spielen nicht mehr auf der Straße, dem Gehweg oder hinter dem Haus, so gibt es nichts am Fenster zu meckern, sondern über Windows in die Kommentarspalten des Netzes.
Ich ziehe den virtuellen Hut vor all den Redakteurinnen und Redakteuren, die sich die Sachen durchlesen müssen, ich hoffe, sie haben psychologischen Beistand.
In der Siedlung, in der ich aufwuchs, waren die Motzer eine Minderheit, sie waren laut, aber der Rest der Bewohner überließ ihnen nie die Deutungshoheit, die Macht über den Kiez.
Aber, man grenzte sie auch nicht aus, beim gemeinsamen Straßenfest waren sie dabei und waren sie krank halfen die Eltern ihnen beim Schneeschüppen.
Vielleicht ist es ein Symptom von Einsamkeit, Ängsten, mangelndem Selbstwertgefühl, oder einer dogmatischen Sicht auf die Welt, die Menschen bewegt zu Motzern zu werden, ihre Wut gegen Andere zu richten, sich das Chaos zu wünschen.
Wir sind damals, als Kinder extra bei ihnen Martinsingen gegangen, oft gab es ein kleines Wunder und sie lächelten und es gab eine Menge Süßes.

Der Umgang mit einem Egoisten ist darum so verderblich, weil die Notwehr uns allmählich zwingt, in seine Fehler zu verfallen.
Marie von Ebner-Eschenbach

2 Gedanken zu “Mal die Sau rauslassen

  1. Ich bin bei Twitter, folge aber nur sehr wenigen Menschen/Institutionen und mir folgen noch weniger. Daher bekomme ich von Shitstorms nur das mit, was man überall lesen kann. Es ist meines Erachtens nicht nur die Anonymität, die den Motzern Mut für ihre Tiraden gibt. Es ist auch das Vorleben von öffentlichen Menschen, die über Medien jeder Art hasserfüllte Wutreden in die Welt bellen. Das setzt einen Kreislauf frei, bei dem böse Worte erst der Anfang sind. Von bellenden Hunden sage man, dass sie nicht beißen. Bei Menschen bin ich mir da nicht sicher.

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