Gefühlt würde ich gerade sagen, wir leben in kritischen Zeiten, es gibt kleine und mittelschwere Beben und Bruchstellen tun sich auf. Noch gab es kein großes Beben.

Ein Symptom dieser kleinen Bruchstellen in einer Gesellschaft, Gruppe, Familie, in einer Beziehung ist die Kritik.

An dieser Stelle zitiere ich einmal aus Wikipedia:

Unter Kritik versteht man die Beurteilung eines Gegenstandes oder einer Handlung anhand von Maßstäben. Wie die Philosophin Anne-Barb Hertkorn ausgeführt hat, ist Kritik damit „eine Grundfunktion der denkenden Vernunft und wird, sofern sie auf das eigene Denken angewandt wird, ein Wesensmerkmal der auf Gültigkeit Anspruch erhebenden Urteilsbildung.“ ([1]) Sie gilt im Sinne einer Kunst der Beurteilung als eine der wichtigsten menschlichen Fähigkeiten.

Das hört sich so gelesen sehr harmlos und recht beschaulich an, aber welcher Mensch mag gerne kritisiert werden? Kritisieren können viele Menschen sehr gut, oft ist die Kritik an einer Sache, einer Person, an Entscheidungen, an dem Wetter eine Art Blitzableiter. Manche werden es vom Arbeitsplatz kennen oder aus Familiensituationen, da läuft einem Menschen die berüchtigte Laus über die Leber, er ist wütend und die Wut, Traurigkeit, Angst benötigt einen Kanal. So wird nicht selten ein Kollege, Familienmitglied, Partner etc., als Folge kritisiert, dient als Ventil. Da wir Menschen oft unterschiedliche Maßstäbe haben entsteht nicht selten ein recht emotionaler Diskurs oder Streit.

In den letzten Jahren ist die Kritik zu einem der politischen Werkzeuge geworden und im speziellen die pauschal, inhaltslose Kritik. Teils ist ihr Ziel einfach zu verunsichern, zu diffamieren, zu polarisieren, zu diskreditieren, auszugrenzen, abzugrenzen, zu zerstören. Ein wesentlicher Baustein der Kritik ist die genutze Sprache, mit der Wahl der Worte, der Formulierung. Eine gute Kritik ist konstruktiv, beinhaltet womöglich Verbesserungsvorschläge. So darf man für sich versuchen, vor jeder Kritik die persönliche, denkende Vernunft zu gebrauchen, wie es die Philosophin Hertkorn ausführt. Ebenso darf man für sich persönlich vorgehen, wenn man kritisiert wird oder Kritiken hört oder ließt.

Eine gute und konstruktive Kritik lässt sich sehr schnell erkennen, sie hat einen Vorschlag, eine Idee, zur Lösung parat, sie ist konstruktiv, macht den Kritisierten sinnvolle Angebote, nutzt respektvolle Sprache und bietet die Möglichkeit für Widerspruch und einen Diskurs. Ein wesentlicher Baustein im Vorfeld einer ausgesprochenen Kritik ist für mich die Reflexion. Warum kritisiere ich? Was sind meine Ziele, die ich mit der Kritik verbinde? Wie konstruktiv ist meine Kritik? Welche Verbesserungsvorschläge, Lösungen, Ideen habe ich? Wie trage ich die Kritik respektvoll vor?

Kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst. Bob Dylan

Zugegeben, in emotionalen Momenten, kein leichtes Unterfangen. Aus diesem Grund ist es manchmal besser mit der Kritik zu warten, ein paar Male tief ein und auszuatmen. Ist dieses nicht möglich gibt es zumindest einen kleinen Trick. Ich nehme als Beispiel einmal den hochstehenden Toilettendeckel:

„der Toilettendeckel ist schon wieder oben, das machst du immer, es nervt total“

„ich ärgere mich gerade, weil der Toilettendeckel nicht runter geklappt ist“

Eine Möglichkeit ist die Kritik aus der „Ich“ Perspektive zu formulieren.

In den politischen Kommentarspalten der Medien würde eine Gegenkritik zu diesem Beispiel womöglich so klingen:

„diese links, grün versüften Gutmenschen wollen uns die Freiheit nehmen den Toilettendeckel oben zu lassen.“

In dieser sehr überzogenen Kritik, käme noch Polemik hinzu. Gerade in der politischen Variante wird sie leider eingesetzt, aber auch in privaten Beziehungsverhältnissen. Polemik darf man in jedem Fall vermeiden, sie ist destruktiv. Die Frage , welche sich mir bildet, warum man in der Politik destruktiv formuliert, also im Grunde zerstören möchte?

Die Kritik an anderen hat noch keinem die eigene Leistung erspart. Noel Coward

Um mein Beispiel abzuschließen hier ein letzter, konstruktiver Vorschlag:

„ich hab mich gerade wieder über den nicht zugeklappten Toilettendeckel geärgert, lass uns mal heute Abend einen Neuen kaufen, der sich automatisch absenkt.

Ich hoffe, dieser Beitrag läst die Kritik etwas konstruktiv, kritischer betrachten, in diesem Sinne wünsche ich eine möglichst kritikfreie Zeit.

Es ist einfacher, kritisch zu sein als korrekt. Benjamin Disraeli

5 Gedanken zu “Ein paar kurze, kritische Gedanken

  1. Nur Eingeschlafene machen sich derzeit keine Gedanken. Das zu lesen tat auf jeden Fall gut! Wenn ich Kritik äußere an den Sachen, die grad ablaufen, und seien es nur die Videokonferenzen für den Erstklässlerenkel, kommen sofort die Fragen: Gibt es Alternativen…?? Wir werden sehen…
    Gruß von Sonja

    Gefällt 3 Personen

  2. Auch einen sich automatisch absenkenden Klodeckel muss man erst anstoßen. Aber ich verstehe, was Du sagen willst. Meine Kollegen/Kolleginnen haben sich immer gewundert, wie gut ich mit Kritik umgehen konnte (konnte, weil ich jetzt auf Rente bin). War die negative Kritik gerechtfertigt, hatte ich nie ein Problem zu meinem Fehler zu stehen. Denn ohne diese Kritik würde ich ihn höchstwahrscheinlich wiederholen. Persönlich habe ich immer versucht, Kritik positiv zu verpacken. Soll heißen, erst – ich rede jetzt vom Arbeitsalltag – gute Seiten des Kollegen in den Vordergrund zu stellen. Im Privaten sieht das schon ein bisschen anders aus. Da spielen noch mehr Gefühle mit. Mein Mann z.B. vergisst immer mehr, Dinge, die ich vor ein paar Tagen schon geklärt hatte, werden erneut gefragt. Da durchleuchte ich mich immer kritischer. Bin ich einfühlsam genug? Sollte ich darüber hinwegsehen? Manchmal macht es mich wütend. Wie gehe ich mit mir um? Wie schütze ich mich? Kritik kann vernichten, aber auch aufbauen. Es kommt auf das „wie“ an!

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s